Ansprache beim Jugendevent am Samstag, den 28.09.2002: "Wi(e)der die Angst" (von Pfarrer Opitz)

Alle Menschen haben Angst, nicht nur kleine Kinder oder ausgesprochene Angsthasen. Auch junge Leute wie Sonja und Michael in unserem Theaterstück haben Angst. Angst vor Terror und Gewalt, gerade nach dem 11. September und nach Erfurt, Angst vor der Schule, vor Tod und Scheidung der Eltern, Angst vor Menschen und vor Arbeit. Angst hat 1000 Gesichter. Es ist zwar nicht cool, einzugestehen, daß man Angst hat. Gerade Jungen wie Michael tun sich hart, Angst zuzugeben. Aber die Angst ist eine Macht, die jeden schon einmal gepackt hat, ob er es zugibt oder nicht.
     Ein Mädchen schrieb an eine Zeitschrift: "Ich bin ein Mädchen von 13 Jahren und könnte eigentlich mit meinem Leben zufrieden sein. Aber etwas bedrückt mich ständig. Und dieses 'Etwas' heißt Angst.. Ich habe Angst vor dem Tod, Angst vor dem Leben, Angst vor der Wahrheit,, Angst vor den Noten, Angst vor dem Sporttag, Angst vor der Liebe, Angst vor der Nacht, Angst vor dem Weltuntergang, Angst vor dem Krieg, Angst vor einem Traum, Angst vor Spott, Angst vor Spritzen, Angst vor dem Ausgelachtwerden, Angst vor der Angst...
     Angst und nochmals Angst. Es ist zum Verrücktwerden. Aber das Schlimme ist, ich weiß gar nicht, woher sie kommt und warum gerade ich diese Angst zu ertragen habe. Können Sie oder andere mir einen Rat geben? Vielleicht solche, die auch unter diesem schrecklichen Angstzustand leiden?
     Ich grüße Sie mit den allerherzlichsten Grüßen, die es gibt."
     Eigentlich ist es merkwürdig: Wir leben in einer Zeit, in der Wissenschaft und Technik soviel unternommen haben, um uns die Angst zu nehmen. Doch die Angst ist geblieben. Sie hat nur andere Gesichter als in früheren Zeiten. So haben wir keine Angst mehr vor Pest und Kinderlähmung, dafür aber vor Aids und Krebs. Wir haben keine Angst mehr vor wilden Tieren in einem dunklen Wald, dafür aber haben wir die Furcht davor, daß es irgendwann einmal überhaupt keinen Wald mehr gibt und unsere Umwelt lebensbedrohlich zerstört wird, - auch durch Hochwasser.
     Am meisten haben die Menschen in Deutschland immer noch Angst vor einer schweren Krankheit, vor dem Alter, dem Tod eines lieben Menschen, vor wirtschaftlicher Not oder Verkehrsunfällen. Die fallenden Türme von New York haben die Augen der Öffentlichkeit wieder auf das Phänomen Angst gelenkt. Die Praxen der Ärzte und Psychiater sind voll von Menschen, die mit ihrer Angst nicht mehr fertig werden. In Deutschland leiden 15 Prozent der Erwachsenen zumindest vorübergehend an einer krankhaften Form von Angst. Und bei Jugendlichen werden die Zahlen nicht anders sein.
     Im Mittelalter wütete die Pest. In der heutigen Zeit verbreitet sich wie eine Seuche die Angst. Anscheinend kann es jeden treffen. Auch gestandene Männer gehen zum Psychologen, weil sie auf einmal vor Angst kein Auto mehr steuern können.
     Angst und nochmals Angst. Woher kommt sie eigentlich? Psychologen reden von der Urangst beim Geburtsvorgang, wenn das Baby aus der Geborgenheit des Mutterleibes in die Welt hineingeboren wird. Wer schon einmal ein Neugeborenes gesehen hat, dem leuchtet diese Meinung ein. Der Mensch ist ja bei seiner Geburt nichts anderes als ein schreiendes Häufchen Elend. Und er braucht die Nähe der Mutter, ihren warmen Körper, ihre zärtlichen Berührungen, ihre beruhigenden Worte, um Halt und Geborgenheit zu erfahren. Und so kann ein Kind in schwierigen Situationen sich immer wieder zu seinen Eltern flüchten, um seine Angst los zu werden.
     Aber was soll nun ein Jugendlicher oder Erwachsener machen? Irgendwann haben Mama und Papa als Hilfe in der Angst mehr oder weniger ausgedient. Die Eltern sind ja auch nur Menschen und haben auch oft genug Angst. Wohin mit der Angst? Wohin mit den kleinen und großen alltäglichen Ängsten, der Angst vor der nächsten Schulaufgabe, vor dem nächsten Arbeitstag, vor dem nächsten Gang zum Arzt? Wohin auch mit der sehr viel tiefer sitzenden Urangst? Es ist die Angst, daß mein Leben sinnlos gewesen ist, die Angst, daß ich irgendeinem Schicksal ausgeliefert bin, die Angst vor dem Sterben und dem, was vielleicht nach dem Tod kommt.
     Ja, was soll ich denn nun machen, wenn die Angst einen überkommen will? In unserem Theaterstück sind ja verschiedene Möglichkeiten gezeigt worden. Sie liefen alle auf Betäubung und Ablenkung hinaus. "Alles halb so schlimm, wenn du nur bestimmte Mittelchen anwendest! Wenn das eine nicht funktioniert, dann vielleicht das andere!" Das war die Methode von Alex Halbsoschlimm. "Trink doch einen!" Doch das altbekannte Mittel Alkohol hat sich für die Angstbewältigung nicht bewährt. Du kannst zwar versuchen, dir "Mut anzutrinken", aber deine Angst spülst du damit nicht weg. Spätestens am nächsten Morgen tauchen die gleichen Probleme wieder auf. "Versuch dich abzulenken, durch Kino, Fernsehen, auf Parties!" Aber in der Nacht kriecht die Angst doch mit unter die Bettdecke und läßt einen nicht schlafen. "Ja, dann nimm dir halt das Leben!" Doch das ist auch kein Ausweg, sondern nur die Flucht in eine Sackgasse. Dann hat die Angst ihr Ziel endgültig erreicht. Dann hat sie ein Leben zerstört. Angst verdrängen und Angst betäuben ist beides der falsche Weg. Die Methode von Alex Halbsoschlimm hilft ebenso wenig wie die Panikmache von Reiner Angstmacher. Da freut sich nur einer: Der Gegenspieler Gottes, der Satan, ob du an ihn glaubst oder nicht. Sicher kann Angst auch ganz hilfreich sein: Dann, wenn ich die richtige Hilfe in Anspruch nehme. Aber Angst ohne Hilfe macht mich unglücklich, macht mein Leben kaputt, zerstört mich.
     Jedem, der Angst hat, kann geholfen werden. Dazu ist es wichtig, daß du erst einmal dir eingestehst, daß auch du Angst kennst. Und zum andern mußt du auch bereit sein, dich mit den Ursachen der Angst auseinanderzusetzen.
     Angst ist ein Zeichen dafür, daß in meinem Leben etwas fehlt, daß da etwas nicht in Ordnung ist, und zwar etwas Grundlegendes. Es ist kein Fundament da, auf dem ich sicher stehe! Das ist der Halt und die Geborgenheit, die mir nur Gott geben können. Ein Leben ohne Gott ist immer ein Leben im Herrschaftsbereich der Angst. Deshalb nehmen die Ängste in unserer Zeit immer mehr zu, weil immer mehr Menschen nichts mehr von dem Halt und der Geborgenheit bei Gott wissen. Sie leben ihr Leben ohne ihren Schöpfer. - Übrigens sind die atheistischen Philosophien von Nietzsche bis Sartre alle Philosophien der Angst. -
     In so einem Leben kommt Gott einfach nicht vor, oder nur als Statist. Er spielt nicht die Hauptrolle. Die Hauptrolle spielt der Mensch ganz allein. Gott hat in so einem Leben nichts zu sagen. Denn der Mensch will so leben, wie er es selbst für richtig hält, will seine Triebe ausleben, das machen, was ihm Spaß macht, sich nur nach den 10 Geboten richten, wenn es einem in den Kram paßt.
     Das kann er dann ja auch machen. Und vielleicht willst du auch so leben. Aber was ist das für ein Leben? Du lebst dann wie ein Kind ohne seine Eltern. Zum einen natürlich ohne einen, der dir irgendwelche Vorschriften macht. Aber zum anderen auch ohne den, der dir seinen Halt und seine Geborgenheit gibt. Dann regiert dich die Angst.
     Aber es gibt auch ein anderes Leben, ohne daß dich die Angst kaputt macht. Ein Leben mit Gott.
     

     2. Teil


Wie macht man das, von der Macht der Angst frei werden und ein Leben mit Gott führen?
     Ich fürchte, da existieren die übelsten Mißverständnisse und Vorurteile. Manche verstehen unter Christsein, daß man nun gar keinen Spaß im Leben mehr hat, immer nur in einer Ecke sitzt und Bibel liest und ein möglichst trauriges Gesicht macht. Andere denken, als Christ muß ich mich ganz arg zusammenreißen, weil ich nun gar keinen Fehler mehr machen darf und nur noch das machen, was mir nicht gefällt.
     Nein, darum geht es im Christsein nicht. Wer ein Leben mit Gott führen will, muß zunächst einmal gar nichts tun. Denn das Entscheidende hat Gott selber schon getan. Er sitzt nämlich nicht ganz cool auf Wolke Nummer 7 und schaut mehr oder weniger interessiert zu, wie die Menschen ohne ihn mit ihrer Angst kaputt gehen. Nein, die Angst seiner Geschöpfe hat ihn zum Handeln veranlaßt. Sie hat Gott in seiner Liebe zu uns getrieben. Er kommt uns in Jesus ganz nah, bis in die Tiefe unserer Angst.
     Jesus weiß, was Angst ist. Am Abend vor seinem Tod war er mit seinen Freunden in einem Garten zusammen. Da kam die Angst zu ihm, auch zu ihm, die nackte Todesangst. Seine Freunde schliefen alle ein. Ganz allein war er nun mit dieser Angst. Sie wollte ihn kaputt machen. Doch sie konnte ihn nicht fertig machen. Denn Jesus machte das, was auch ein Kind in seiner Angst tut. Er ging zu seinem Vater. Er betete: "Mein Vater, wenn es möglich ist, so bewahre mich vor diesem Leiden. Dir ist alles möglich. Aber nicht, was ich will, sondern was du willst, soll geschehen." Und sein Vater ließ ihn nicht im Stich, gab ihm neue Kraft für das, was in den nächsten Stunden auf ihn zukommen sollte. Jesus wurde verhaftet, verurteilt, gefoltert, schließlich ans Kreuz gehängt. Und dort schwieg Gott. Dort spürte Jesus nichts mehr von seiner Nähe. Und die Angst kam wieder. Jesus kann wie ein Ertrinkender nur noch um Hilfe rufen. "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" so schreit er. Keine Antwort von Gott. Doch Jesus verzweifelt nicht. Vor seinem Tod klammert er sich ein letztes Mal an seinen Vater fest. "Vater, in deine Hände gebe ich meinen Geist!" ruft er laut. Dann stirbt er.
      Die Geborgenheit bei Gott hat über die Angst triumphiert. Jesus hat sie besiegt. Jesus ist stärker als die Angst. Er ist auch stärker als der Tod. Jesus blieb nicht im Grab. An Ostern erschien er seinen Freunden als der Auferstandene. Und da fiel auch bei ihnen alle Angst ab, alle Angst vor der Zukunft. Die Begegnung mit Jesus nahm sie ihnen weg.
     Und du kannst das Gleiche auch erfahren. Die Begegnung mit Jesus nimmt auch deine Angst weg. Vor 2000 Jahren kam er sichtbar in diese Welt. Jetzt kommt er unsichtbar zu dir. In seinen Worten ist er immer noch gegenwärtig. Jeder kann seine Nähe spüren, wenn er sich auf das einläßt, was er zu sagen hat. Er spricht jetzt auch zu dir: "Fürchte dich nicht! hab doch keine Angst!" Jesus nimmt dir die Angst und auch das, was ihr die Macht in deinem Leben gegeben hat. Das ist all das, was du ohne Gott getan hast, all das, was nicht richtig war bei dir, wo du dich nicht nach dem Willen Gottes gerichtet hat. All das nennt die Bibel Sünde. Sie trennt dich von Gott, von seiner Liebe und Geborgenheit.
     Doch Jesus hat diese Trennung aufgehoben, als er selber am Kreuz wegen unserer Sünde von Gott getrennt war. Er selber hat die Gottverlassenheit durchgemacht, damit dir vergeben werden kann. Und auch du darfst es glauben: Alle deine Schuld ist dir vergeben. Gott steht auf deiner Seite. Er hat nichts gegen dich. Du darfst bei ihm geborgen sein wie ein Kind bei seinem Vater. Glaub doch diesen Worten! Sie sind wahr und du darfst erfahren, daß du auf einmal bei Gott geborgen bist.
     Jesus war einmal mit seinen Freunden auf dem See Genezareth mit dem Boot unterwegs. Da werden sie von einem furchtbaren Sturm überrascht. Das kleine Schiff wird durch die Macht der Wellen wie eine Nußschale hin und her geworfen. Die Freunde Jesu, die Jünger, schreien vor Angst. Sie wecken Jesus auf, der ihnen helfen soll. Jesus sagt nur: "Warum habt ihr Angst? Habt doch mehr Vertrauen zu mir!" Dann stand er auf und bereitete mit einer Handbewegung dem Toben der Natur ein Ende.
     So kann es auch bei dir, in deinem Leben geschehen. Es kostet Jesus nur wenig, gewissermaßen eine kleine Handbewegung, um dich von allen Mächten zu befreien, die dir Angst einjagen wollen. Denn er ist stärker als sie. Nur ein Wort von ihm, und deine Lage hat sich geändert, oder du bist auf einmal geborgen, auch wenn sonst nichts anders geworden ist.
     So erlebten es die Mitarbeiter von "Shelter Now". Sie waren 102 Tage in Afghanistan in Gefangenschaft der Taliban. Sie waren in fünf Gefängnissen, und mit jedem neuen Gefängnis sank die Hoffnung, wieder freizukommen. Was den Inhaftierten half, war das Gebet und das Lob Gottes. Mehrere Stunden am Tag beteten und lobten sie Gott.
     Am Schlimmsten war es im vierten Gefängnis, tief unter der Erde, die Leute waren angekettet. Doch auch dort rafften sie auf, zu Gott zu beten und ihn zu loben, auch in ihrer schrecklichen Lage. In dieser furchtbaren Situation lasen sie in einem Psalm, daß Gott sie erretten wird aus dem Tode und der Furcht des Todes. Da fiel innerlich eine Zentnerlast von ihnen ab. Sie wußten, daß sie, wie es im Psalm 91 heißt, "unter dem Schirm des Höchsten" saßen. Nach mehr als drei Monaten Gefangenschaft kamen die Mitarbeiter von "Shelter Now" tatsächlich frei! Es war ein Wunder Gottes. Die Geschichte ging durch die Medien aller Welt.
     Es ist natürlich nicht so, daß einer, der an Jesus glaubt, nie mehr Angst bekommt. Auch der gläubigste Christ wird immer wieder Angst haben. Jesus stellt es einmal nüchtern fest: "In der Welt habt ihr Angst." Du mußt dich nicht wegen deiner Angst schämen. Aber du brauchst keine Angst vor der Angst zu haben. Wenn sie kommt, so darfst du mit dem rechnen, der mit allem, was dich bedrohen will, fertig wird. Er läßt dich dann nicht allein.
     In England hatte sich ein Junge so unglücklich mit seinem Fuß mitten auf den Gleisen einer Eisenbahnstrecke verfangen, daß er nicht mehr aus eigener Kraft sich befreien konnte. Der Junge geriet in Panik und rief um Hilfe. Ein Mann hörte die Schreie. Er lief herzu, doch er konnte auch nicht den Jungen aus seiner gefährlichen Lage befreien. Die beiden hörten einen Zug heranfahren. Der Mann befahl dem Jungen, sich ganz flach auf den Gleiskörper zu legen. Um dem Kind Mut zu machen, legte sich der Mann direkt neben ihn und hielt ihn fest. Der Zug donnerte über sie hinweg, und beide konnten sich unverletzt wieder erheben. Nun kam Hilfe aus dem Dorf und der Fuß wurde mit viel Mühe aus seiner Gefangenschaft befreit.
     Wie oft sind wir gefangen in Sorgen und Ängsten, auch in Sünde und Schuld. Jesus läßt uns dann nicht allein, sondern er legt sich gewissermaßen neben uns. Er ist nicht in der Angst gefangen. Er ist nicht von der Sünde festgebunden. Aber er legt sich neben uns, damit er uns losmachen kann. Er läßt dich nicht allein. Er kommt in dein Leben. Brauchst ihn nur hineinlassen. Brauchst nur an ihn glauben.
     Wenn du glaubst, das Jesus bei dir ist, dann kannst du ganz ruhig und gelassen werden, oder in der Angst nicht verrückt spielen. Du kannst dann auf der anderen Seite auch viel wagen, so wie einer, der am Halteseil gesichert ist, eine Kletterpartie unternehmen kann.
     Ein Leben mit Jesus garantiert dir kein angstfreies Dasein. Er gibt dir keine Versicherungspolice für Leidensfreiheit. Schwere Situationen bleiben dir auch als Christ nicht erspart. Aber Jesus läßt dich bestimmt nicht allein. Es ist vielmehr so: Nichts, aber auch gar nichts kann dich von seiner Liebe trennen.
     Ich möchte so schließen, wie ich es gestern abend auch getan habe: Ich wünsche dir, daß du diese Liebe Jesu in deinem Leben auch erfährst. Wenn du willst, kann ich dir dabei helfen. Ich bleibe nach Ende dieser Veranstaltung noch hier vorne. Dann kannst du zu mir kommen und mich ansprechen. Du kannst mir sagen, wo du Hilfe brauchst. Und ich kann dir sagen, wo du Hilfe bekommst, letzten Endes nur bei Jesus.